„Sich selbst begegnen im Gedicht...“

 

so nannte es Gottfried Benn einmal, das große Abenteuer Dichtung, den unbestimmbaren Ort, an dem sich die Ratio mit der Inspiration trifft, und dem großen Benn folgend denke ich, Lyrik ist immer Selbstbegegnung, ist immer der Versuch, die eigene Identität wiederzufinden, das Selbst hinter dem Ich zu entdecken.

In diesem Buch erfahren wir etwas von der Selbstbegegnung sogenannter Kranker, Menschen, die geistig woanders zu Hause sind, als wir uns daheim wähnen.

Mein Freund Hanns Dieter Hüsch bekennt in einem seiner wunderbaren Texte: „Ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten.“ Diese Gedichte spiegeln die Poesie der „seitlich Umgeknickten“ wieder und plötzlich entdecken wir die poetologische Gemeinsamkeit:

Poesie ist immer ver-rückt, sie stellt die Wirklichkeit auf den Kopf und gleich drauf wieder auf die Beine, sie schüttelt sie gewaltig und rührt in ihr herum, respektlos und umnachtet, verzweifelt und verliebt.  

Wenn ich mir diese Gedichte selbst vorlese – und das sollte man immer tun - frage ich mich einmal mehr angesichts des gesellschaftlichen Narrenschiffs, auf dem wir gerade dem Untergang entgegensegeln, wer denn nun auf dieser Welt „seitlich umgeknickt“ ist. In einer Zeit des allseits Besitz ergreifenden Blödsinns, in einer Zeit der permanenten Verwässerung des Wesentlichen,  lassen diese Verse aufrichtige Gefühle zu: Schmerz und Verzweiflung, Freude und Wahn, Trauer, Wut und Tod.

 Sie versuchen zumindest einen Weg zu finden, dem eigenen Wesen näher zu kommen. Indem das „Nachtkind“ sich der Angst stellt, sie wahrnimmt und mit Worten einfängt, vergrößert sich die Chance, damit umgehen zu können. Ich kann im wahrsten Sinn ein Lied davon singen:

 

Manchen Nächten kann man nicht entfliehn,
und manche Räume zwingen dich zu bleiben.
Du bist allein mit deinen Fantasien
und fürchtest dich und kannst sie nicht vertreiben.

Das sind die großen Nächte. Halte fest
die Stunden, die dich so gefährden,
wo dir die Seele sagen lässt:
Du musst ein andrer werden. 

 

Gedichte halten die Welt so schön offen. Jeder Leser hat andere Assoziationen, nicht nur intellektuelle. Sie öffnen Tore in jene Bereiche unseres Seins, die wahrzunehmen für die Macher von heute gefährlich ist, denn mit der Innenschau würden sie die Absurdität ihres tagtäglichen Handelns erkennen und daran sehr schnell zerbrechen, im positiven Fall aufbrechen (aus sich heraus und gleichzeitig in sich selbst hinein). Es geht doch fast immer nur darum, seinen Selbstlügen auf die Schliche zu kommen. Impulse für die Arbeit daran finden sich in der Vieldeutigkeit lyrischer Texte.

Sicher, manchmal wird in diesen Gedichten einfach nur geklagt, bezichtigt, Schuld verteilt, aber Gedichte helfen eben auch, Ungelöstes aufzuarbeiten (hier z. B.  „Der Mühen Lohn“). Oft halten sie einfach Momente des Seins fest, geben ganz persönliche Blicke frei in die Seele, in das Wesen eines Augenblicks, einer Situation, eines Zustands. Aber in vielen dieser Texte habe ich mich und mein Suchen durchaus wieder gefunden, in der „Totgeburt“ genauso wie im „Lebensbaum“.

„Ein Baum der fest im Leben stand

Er sieht mich an

So artverwandt“

Ist das nun Dichtung eines Kranken, oder kranke Dichtung, oder sind Dichter alle krank und vor allem: wie sieht „gesunde“ Kunst wohl aus?

Dichtung jedenfalls ist es!

Gedichte kann man lesen, sprechen, vortragen, auswendig lernen – ich wünsche den Texten dieses Buches, sie mögen die Leser ermuntern, sich selbst wieder neu zu entdecken.

 

 

 

 

Konstantin Wecker