„Wer schreibt Gedichte?“

 

Mit dieser Frage hatte ich mich vor zwei Jahren an die Patienten meiner Praxis gewandt. Von einzelnen wusste ich, dass sie Gedichte, Geschichten oder Erzählungen verfassen, oft in Zeiten großer innerer Bedrängnis oder „einfach nur so“.

Die Resonanz auf meinen Aushang am schwarzen Brett hat mich dann aber doch überrascht. Unter den vielen mir bereitwillig zur Verfügung gestellten Werken waren ergreifende, abgründige, aber auch übermütige und freche Gedichte. Ich war beeindruckt von dieser Form einer „echten“ und aus dem Leben gegriffenen Lyrik.

Vor allem aber gab sie den Blick frei auf eine hinter Erkrankungen und Diagnosen stehende menschliche Dimension. Sicherlich war die Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit, mit Angst, Depression oder Psychose ein wesentlicher Punkt in diesen Gedichten. Genauso häufig ging es aber um Liebe, Leid und Sinn des Lebens.

Gerade Menschen in oder nach psychischen Grenzerfahrungen haben zu diesen Themen eine Menge zu sagen.

Dieser letzte Punkt war es auch, der mich dazu brachte, die Gedichte und Geschichten einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Mit Genehmigung der AutorInnen wurden die Werke auf der Praxis-Homepage anonymisiert veröffentlicht.

Nachdem an die 100 Gedichte zusammengekommen waren, war der nächste Schritt die nun vorliegende Veröffentlichung in Buchform.

Insgesamt haben sich 20 KünstlerInnen hieran beteiligt.

Von jedem ist zumindest ein Gedicht in diesem Buch vertreten, manche haben auch nur dieses eine geschrieben. Bei anderen, die sehr viele Gedichte verfasst haben, habe ich eine Auswahl getroffen. Die anonymisierte Kurzbeschreibung der AutorInnen hat sich bewährt, deshalb habe ich sie für dieses Buch übernommen.

Zu meiner großen Freude hat sich der Grafiker, Maler und Installationskünstler MIRKO  bereiterklärt, das Buchprojekt mit seinen Bildern zu unterstützen. Einige entstanden speziell für diesen Band unter dem Einfluss der vorliegenden Gedichte. Für seine spontane Bereitschaft danke ich ihm sehr.

Ebenfalls zu Dank verpflichtet bin ich Konstantin Wecker, der es trotz eines vollen Terminkalenders auf sich genommen hat, für dieses Buch ein Gleitwort zu verfassen.

Um Einheitlichkeit zu erreichen, habe ich nach einiger Überlegung Kurzgeschichten und Erzählungen in diesem Buch nicht berücksichtigt. So ist es jetzt ein reiner Lyrik-Band geworden.

Die Einteilung in die Kapitel SCHMERZ-ABGRUND-LIEBE-LEBEN ist willkürlich und entspringt meiner persönlichen Sichtweise. Allerdings halte ich diese Abfolge für eine Art Programm  - auch für das Gelingen einer erfolgreichen Behandlung. Neben der unbestreitbaren Wichtigkeit evidenzbasierter Behandlungsmethoden und der Unverzichtbarkeit sinnvoller Medikation scheint mir vor allem die Stimmigkeit der menschlichen Ebene in der Begegnung  von Arzt/Therapeut und Patient der Schlüssel für Fortschritt und Heilung zu sein.

So hoffe ich, dass der vorliegende Band den Zugang zu dieser menschlichen Dimension im psychiatrischen Alltag unterstützen hilft.

 

 

 

 

Dr. med. Peter Teuschel

 

August 2005